Mein Weg mit Hildegard von Bingen

Eine kleine Auswahl der "Tugenden und Laster" aus dem Buch

Sabine Böhm und ihr Weg zu Hildegard von Bingen (1098 - 1179)

 

Hildegards Gedankenwelt –

umgewandelt in Farben und Formen

Seit 1991 beschäftige ich mich mit dem Leben und Werk Hildegard von Bingens. In dieser Auseinandersetzung mit Hildegard habe ich um das Jahr 2000 einen Bilder-Zyklus gemalt, in dem ich versuchte, die Visionen Hildegards in zeitgenössischen Farben und Formen auszudrücken. egards in zeitgenössischen Farben und Formen auszudrücken. Damit wollte ich den „Geist“ Hildegards in die Gegenwart transformieren, ohne die gegenständlichen Illustrationen aus dem Mittelalter zu übernehmen. Einige dieser 60 Bilder, die auch in verschiedenen Ausstellungen gezeigt wurden, sind 2004 in dem Buch „In einem Meer von Licht“ veröffentlicht worden – mit Texten der Hildegard-Expertin Dr. Barbara Stühlmeyer.

Auf diese Bilder ist Sr. Maura Zatony von der Abtei St. Hildegard aufmerksam geworden. Ihre Mitschwester Angela Carlevaris, die Altmeisterin der Hildegard-Forschung im Eibinger Kloster, wollte damals Hildegards Visionsschrift „Liber Vite Meritorum“, das „Buch der Lebensverdienste“, aus dem Lateinischen neu übersetzen und in einer leicht verständlichen Form veröffentlichen. Es war die Idee der Schwestern, für dieses neue Buch die insgesamt 35 einander widersprechenden Paare der Tugenden und Laster in zeitgenössischen Bildern zu interpretieren – und ich habe mich sehr gefreut, dass mich die Schwestern mit dieser anspruchsvollen Aufgabe betrauten. So entstanden – immer in enger Abstimmung mit dem Kloster - innerhalb von drei Jahren 70 Bilder.

Für die künstlerische Umsetzung war es natürlich erforderlich, dass ich meine Auseinandersetzung mit Hildegards Gedankenwelt noch einmal intensivierte. Parallel dazu vertiefte ich mich in die psychologischen Farbtheorien, in denen es um die inneren Zusammenhänge von Farben und Gefühlen geht – von Goethe über Riedel bis zu Hildegard selber, die ja in ihren Werken auch eine eigene Psychologie der Farben entwickelt hat.

Es war nicht leicht, Hildegards oft drastische Beschreibung der Laster in nicht gegenständlichen Bildern auszudrücken. Und als besondere Herausforderung beim Malen empfand ich die Ähnlichkeit mancher Tugenden, die sich – zum Beispiel bei Stetigkeit und Beständigkeit - nur in Nuancen unterscheiden. In solchen Fällen, aber auch sonst erwies sich der regelmäßige Austausch mit der Hildegard-Forscherin Sr. Maura als sehr befruchtend für die Entstehung des Bilder-Zyklus.

 

Dank der vielen Gespräche im Kloster, in der Beschäftigung mit den Farbtheorien, durch Hildegards Beschreibungen - und natürlich mit meinen eigenen Gefühlen und Interpretationen reifte diese Bilderreihe in mir allmählich heran. Dass ich beim Malen immer auch Hildegards Gesänge anhörte, inspirierte mich auf ganz besondere Weise. Bei der Arbeit benutzte ich ausschließlich wasservermalbare Ölfarben. Das Format legte ich bewusst unterschiedlich an: große Bilder für die überstarke Kraft der Tugenden – und nicht so viel Platz den Lastern.

 

Diese Bilder waren im Jahr der Heiligsprechung Hildegards von Bingen in der Abtei-Kirche St. Hildegard oberhalb von Rüdesheim zu sehen – und in vier benachbarten Kirchen an Orten, wo die Heilige Hildegard im Mittelalter gewirkt hatte. In den Ausstellungen werden auch 21 weitere Werke gezeigt, die sich mit den Visionen der Heiligen Hildegard auseinandersetzen: Stelen der Eibinger Ordensschwester und Keramikerin Christophora Janssen, Kalligrafien der in den USA lebenden Künstlerin Julia Silbermann sowie Metallskulpturen und Fotocollagen von Thomas Lindner aus Erfurt. Mehr über die Ausstellung www.virtus-et-vitium.de

 

 

Das Buch

„Tugenden und Laster – Wegweisung im Dialog mit Hildegard von Bingen“

 

In dem zur Ausstellung erschienenen Buch „Tugenden und Laster“, sind alle 70 Bilder aus Sabine Böhms Zyklus zu sehen – mit Originalzitaten aus Hildegards Werk und meditativen Texten von Barbara Stühlmeyer, die Ethik als ein Trendthema unserer Zeit versteht, in der die Grundfragen von Gut und Böse neu diskutiert werden. Mit ihren Texten bietet sie eine Brücke an und wagt in der Sprache zeitgenössischer Spiritualität eine Annäherung an den Dialog der Fehlhaltungen und geistlichen Einstellungen, der sich im Innern jedes Einzelnen von uns entfaltet.

Ethik ist ein Trendthema unserer Zeit. Die Grundfragen von Gut und Böse werden heute neu diskutiert. Angesichts einer Welt, die gespalten und zerrissen ist, ist Wegweisung notwendig. Hildegard von Bingen entfaltet ihre Ethik im Dialog. Die Tugenden und Lastern kommen miteinander ins Gespräch. Ihre Argumente klingen überraschend vertraut. Denn es ist ein Gespräch, das sich bis heute im Innern jedes Einzelnen von uns entfaltet. Wie können wir seelische Fehlhaltungen vermeiden und geistliche Grundhaltungen einüben? Hildegard zeigt einen Weg, wie wir im Spiel widerstreitender Kräfte bei uns selbst wohnend unser Leben unter der Führung des Evangeliums gestalten können.

Dieses Buch lädt mit Zitaten aus Hildegards Werk, meditativen Texten und Bildern dazu ein, auf Gottes Stimme in uns zu hören und seinen Spuren zu folgen.

Die spirituellen Texte von Barbara Stühlmeyerentstanden im Dialog mit dem Liber vitae meritorum, der Ethik Hildegards, der Regel Benedikts und der Heiligen Schrift, aus der beide ihre Wegweisung schöpften.

Die Bilder von Sabine Böhm sind die Frucht ihrer Begegnung mit Hildegards Ethik und öffnen spirituellen Fenstern gleich den Blick für die Tiefe und Weite der Gedankenwelt der mittelalterlichen Visionärin.

Die gemeinsame Arbeit am Werk Hildegard von Bingens ist geprägt durch die langjährige Weggemeinschaft von Sabine Böhm undBarbara Stühlmeyer, die immer wieder in Buchveröffentlichungen, Vorträgen oder Ausstellungsprojekten ihren Ausdruck findet.

 

Mehr über Hildegard von Bingen: www.abtei-st-hildegard.de